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Behörden melden bereits 7.000 Zurückweisungen durch EES an Flughäfen


Stellen Sie sich vor, Sie stehen nach einem langen Flug in der Ankunftshalle eines europäischen Drehkreuzes, die Reisepässe Ihrer Mandanten oder Ihrer Familie bereit – doch die gewohnte Routine ist verschwunden. Kein einfaches Durchwinken, kein flüchtiger Blick des Grenzbeamten reicht mehr aus. Stattdessen blicken Sie in eine Kamera, Ihre Fingerabdrücke werden digitalisiert, und im Hintergrund gleicht ein Hochleistungssystem in Brüssel Ihre Daten in Millisekunden ab. Was wie Science-Fiction klingt, ist seit dem 12. Oktober 2024 bittere Realität an den Außengrenzen des Schengen-Raums. Die ersten Zahlen sind alarmierend und zeigen deutlich: Die digitale Grenze ist nicht nur schärfer, sondern für viele Reisende auch deutlich langsamer geworden. Als Rechtsbeistand beobachten wir eine Entwicklung, die die Freizügigkeit und die Planungssicherheit von Drittstaatsangehörigen massiv beeinflusst.


Das Ende des Stempel-Zeitalters und die biometrische totale Erfassung

Das neue Entry-Exit-System, kurz EES, markiert das endgültige Ende des klassischen Tintenstempels im Reisepass. Wo früher Beamte mühsam Tage zählen mussten, um eine Überschreitung der Aufenthaltsdauer festzustellen, übernimmt nun eine lückenlose digitale Datenbank. In den ersten Monaten wurden bereits über 13,3 Millionen Ein- und Ausreisen erfasst. Für Sie bedeutet das, dass persönliche Daten wie Name und Reisedokumente untrennbar mit biometrischen Merkmalen verknüpft werden. Rund 60 Prozent der bisherigen Registrierungen erfolgten bereits unter Erfassung von Fingerabdrücken und Gesichtsbildern. Ziel dieser Maßnahme ist es, Identitätsbetrug im Keim zu ersticken und sogenannte "Overstayer" – also Personen, die ihr Visum überschreiten – automatisiert zu identifizieren. Die EU-Kommission feiert dies als modernes Rückgrat der Migrationsreform, doch für den Einzelnen bedeutet es vor allem eines: Gläsernheit an der Grenze.


Effizienz gegen Sicherheit: Der Preis der Kontrolle

Während die Politik von einem reibungslosen Start spricht, zeigt die Praxis an den Flughäfen ein völlig anderes Bild. Die Zahlen der Flughafenbetreiber sind eindeutig und für Reisende frustrierend. Die Abfertigungszeiten haben sich an großen Knotenpunkten wie Frankfurt, München oder Paris-Charles-de-Gaulle um bis zu 70 Prozent verlängert. In Spitzenzeiten müssen Reisende mit Wartezeiten von bis zu drei Stunden rechnen, da die erstmalige Erfassung der biometrischen Daten schlicht Zeit in Anspruch nimmt. Diese Verzögerungen sind kein bloßes Ärgernis, sondern können Anschlussflüge gefährden und geschäftliche Termine platzen lassen. Besonders brisant ist die Erfolgsquote des Systems: Fast 7.000 Einreisen wurden bis kurz vor Weihnachten bereits verweigert, und rund 100 Fälle von Identitätsbetrug konnten aufgedeckt werden. Die digitale Mauer steht, und sie ist unnachgiebig.


Eine Übergangsfrist mit juristischen Fallstricken

Wir befinden uns derzeit in einer kritischen Phase, die noch bis zum April 2026 andauern wird. Aktuell sind erst etwa 50 Prozent der Grenzübergänge vollständig an das EES angeschlossen. Diese stufenweise Ausweitung sorgt für eine gefährliche Inkonsistenz. Wer über Berlin oder Madrid einreist, wird bereits digital voll erfasst, während an kleineren Grenzübergängen teilweise noch alte Verfahren gelten könnten. Unter der aktuellen politischen Leitlinie, die unter Bundeskanzler Friedrich Merz eine deutlich strengere Gangart an den deutschen Grenzen eingeschlagen hat, wird jeder Datensatz genauestens geprüft. Für Drittstaatsangehörige bedeutet dies, dass fehlerhafte Angaben im Visumantrag oder Unklarheiten bei früheren Aufenthalten nun sofort und systemübergreifend auffallen. Die Fehleranfälligkeit des Systems bei der ersten Registrierung darf dabei nicht unterschätzt werden; eine falsche Erfassung kann weitreichende Konsequenzen für künftige Einreisen haben.


Fazit: Vorbereitung ist die einzige Verteidigung

Das Entry-Exit-System ist gekommen, um zu bleiben, und es wird die Art und Weise, wie wir die Grenzen des Schengen-Raums passieren, dauerhaft verändern. Die Sicherheit mag durch die Aufdeckung von Identitätsbetrug steigen, doch der Preis dafür sind massive zeitliche Belastungen und eine lückenlose Überwachung der Reisedaten. Als Rechtsanwalt rate ich dringend dazu, bei Reisen über die großen europäischen Hubs deutlich mehr Zeit einzuplanen und die Gültigkeit aller Dokumente penibel zu prüfen. Die Automatisierung verzeiht keine menschlichen Fehler oder Kulanzentscheidungen mehr. Wer heute die Grenze übertritt, hinterlässt einen digitalen Fußabdruck, der über Jahre hinweg über die nächste Einreise entscheiden kann.

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