top of page
VISAGUARD Logo

EU stellt neue Visa-Strategie vor


Mit der Vorstellung der ersten umfassenden europäischen Visa-Strategie hat die Europäische Kommission eine weitere Digitalisierungs-Debatte ausgelöst. Die neue Strategie ist untrennbar mit dem fünfjährigen Plan für Asyl- und Migrationsmanagement verbunden und zielt darauf ab, den Flickenteppich nationaler Alleingänge zu beenden. Im Zentrum steht die Überführung aller Kurzzeit-Visa in eine rein digitale Online-Plattform. Dies betrifft primär die Visa nach der Verordnung (EG) Nr. 810/2009 (Visakodex). Die physische Visummarke im Reisepass wird durch einen digitalen Datensatz ersetzt, was die Fälschungssicherheit erhöhen soll, aber gleichzeitig neue Fragen zum Datenschutz und zur Erreichbarkeit der Behörden aufwirft. Parallel dazu wird das European Travel Information and Authorisation System (ETIAS) bis Ende 2026 für visumbefreite Drittstaatsangehörige verpflichtend. Wer bisher einfach mit seinem Reisepass in den Flieger steigen konnte, unterliegt nun einer Vorabprüfung, die an das US-amerikanische ESTA-Verfahren erinnert. Wir weisen unsere Mandanten ausdrücklich darauf hin, dass diese Vorabprüfung keine bloße Formalität ist, sondern eine automatisierte Sicherheitsabfrage darstellt, die bei Treffern in polizeilichen Datenbanken unmittelbar zur Ablehnung führen kann.


Biometrie an der Grenze: Das Entry/Exit System (EES)

Ein weiterer entscheidender Baustein ist das Entry/Exit System (EES), das den manuellen Grenzstempel endgültig ins Museum verbannt. An den deutschen Außengrenzen, insbesondere an den großen Drehkreuzen wie Frankfurt oder München, werden bereits Kiosksysteme installiert, die Gesichtsbilder und Fingerabdrücke erfassen. Rechtlich stützt sich dies auf die Verordnung (EU) 2017/2226. Jede Ein- und Ausreise wird sekundengenau erfasst, was die Überwachung von Overstays, also dem Überschreiten der zulässigen Aufenthaltsdauer, automatisiert. Für Geschäftsreisende und Unternehmen bedeutet dies, dass die "90-Tage-Regel" innerhalb von 180 Tagen nun lückenlos und unbestechlich kontrolliert wird. Fehler in der Reiseplanung, die früher vielleicht unentdeckt blieben, führen nun häufiger zu Einreisesperren und rechtlichen Konsequenzen im Schengener Informationssystem (SIS). Wir sehen hier ein erhebliches Risiko für Fachkräfte, die zwischen verschiedenen EU-Standorten pendeln und deren Aufenthaltszeiten bisher nur stichprobenartig geprüft wurden.


Harmonisierung gegen den Fachkräftemangel: Ein zweischneidiges Schwert

Die Bundesregierung betont immer wieder die Notwendigkeit, Hürden für qualifizierte Zuwanderer abzubauen, um dem drastischen Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Die EU-Visa-Strategie verspricht hier durch die Vereinheitlichung der Dokumentenstandards, insbesondere bei der EU-Blue Card gemäß § 18g AufenthG, eine Beschleunigung. Wenn die Konsulate der Mitgliedstaaten erst einmal auf einer gemeinsamen digitalen Plattform operieren, sollte der Wechsel von Fachkräften zwischen Paris, Madrid und Berlin rechtlich reibungsloser verlaufen. Doch wir mahnen zur Vorsicht: Harmonisierung bedeutet nicht zwangsläufig Vereinfachung. Nationale Besonderheiten bleiben bestehen. Deutschland wird weiterhin auf seinen spezifischen Vorschriften und der Prüfung der Vergleichbarkeit von Qualifikationen beharren. Die digitale Plattform ist lediglich das Gefäß; der Inhalt – die strengen deutschen Zulassungsvoraussetzungen – bleibt unangetastet. Unternehmen müssen daher ihre internen HR-Prozesse dringend an die neuen Schnittstellen anpassen, um nicht in digitalen Sackgassen zu landen.


Die Last der Digitalisierung: Herausforderungen für Unternehmen

Die migrationspolitische Agenda der EU verlagert einen Teil der Kontrolllast auf die Privatwirtschaft. Fluggesellschaften wie die Lufthansa integrieren bereits die ETIAS-Verifizierung in ihre Check-in-Prozesse. Für Arbeitgeber bedeutet dies, dass sie ihre Global Mobility Teams schulen müssen, um die neuen API-Schnittstellen zu verstehen und zu nutzen. Es reicht nicht mehr aus, nur auf die Gültigkeit des Passes zu achten; die digitale Reiseautorisierung wird zum geschäftskritischen Faktor. Wir beobachten kritisch, dass die IT-Integrationskosten für Unternehmen steigen, während die Rechtssicherheit bei Systemausfällen oder fehlerhaften Datenabgleichen noch nicht abschließend geklärt ist. Wenn eine hochbezahlte Fachkraft aufgrund eines technischen Fehlers im EES an der Grenze abgewiesen wird, stellt sich sofort die Frage der Haftung.


Fazit: Vorbereitung ist die einzige Strategie

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die erste EU-Visa-Strategie ein notwendiger Schritt ist, um die Migrationsverwaltung ins 21. Jahrhundert zu führen. Die Digitalisierung kann die Effizienz steigern und den Fachkräftezuzug mittelfristig stützen, sofern die technischen Systeme stabil laufen. Dennoch dürfen die rechtlichen Hürden nicht unterschätzt werden. Die Automatisierung der Überwachung durch EES und ETIAS verzeiht keine Nachlässigkeiten in der Reiseplanung mehr. Wir als Kanzlei raten allen Unternehmen, ihre internen Workflows für die Entsendung von Mitarbeitern noch vor dem vierten Quartal 2026 einem Audit zu unterziehen. Nur wer die digitalen Spielregeln von morgen heute versteht, wird im globalen Wettbewerb um Talente nicht durch bürokratische Fehlermeldungen ausgebremst. Die Ära des analogen Visums endet – die Ära der digitalen Wachsamkeit beginnt.

bottom of page