Localyze-Gründerin gibt wertvolle Einblicke zur Skalierung eines HR-Tech Scale-Up im Bereich Global Mobility
- Isabelle Manoli

- 25. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Die Welt der Global Mobility gleicht oft einem komplexen Labyrinth aus Paragraphen, Fristen und bürokratischen Hürden. Wer als Unternehmen heute die besten Talente weltweit rekrutieren möchte, steht vor der gewaltigen Aufgabe, nicht nur die passende Fachkraft zu finden, sondern diese auch rechtssicher nach Deutschland oder in andere Märkte zu bringen. Inmitten dieser Dynamik hat das Hamburger Startup Localyze über Jahre hinweg versucht, den Prozess der Mitarbeiterentsendung und Visabeschaffung zu digitalisieren. Nun, im Mai 2026, reflektiert die Gründerin Hanna Marie Asmussen den Weg von der Gründung bis zum Verkauf an das US-Unternehmen Boundless Immigration. Für uns als Rechtsanwaltskanzlei, die täglich Unternehmen im Bereich Corporate Immigration berät, bieten diese Einblicke eine hervorragende Grundlage, um die Schnittstelle zwischen Technologie und Visumsrecht kritisch zu beleuchten.
Der steinige Weg der Digitalisierung in der Migrationsverwaltung
Als Localyze 2018 startete, traf die Vision einer digitalen Relocation-Plattform auf eine deutsche Behördenlandschaft, die noch tief im analogen Zeitalter verwurzelt war. Die Gründer machten die Erfahrung, dass Intuition und Kundennähe in der Anfangsphase oft wichtiger waren als ein fertiges technisches System. Wir sehen hier eine Parallele zur täglichen Praxis: Viele unserer Mandanten – ob hochqualifizierte Akademiker oder HR-Abteilungen – leiden unter der mangelnden Digitalisierung der Ausländerbehörden. Obwohl der Gesetzgeber mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz, insbesondere dem § 81a AufenthG (Beschleunigtes Fachkräfteverfahren), Instrumente geschaffen hat, um Prozesse zu verkürzen, scheitert die Umsetzung oft an der Schnittstelle zur Verwaltung. Localyze hat früh erkannt, dass man "Marktplätze bauen" muss, wo zuvor keine waren.
Die Skalierungsfalle: Wenn Wachstum auf rechtliche Komplexität trifft
Ein besonders spannender Punkt in Asmussens Rückblick ist das Jahr 2021. Nach der Pandemie boomte der Markt für die Digitalisierung der Fachkräftezuwanderung. Doch Localyze musste schmerzhaft lernen, dass schnelles Wachstum ohne ein stabiles Fundament – insbesondere im Bereich Go-to-Market für Großkunden – gefährlich ist. Im Visumsrecht verhält es sich ähnlich: Ein Unternehmen kann nicht einfach hunderte Fachkräfte "skalieren", ohne die individuellen Voraussetzungen für Aufenthaltstitel wie die Blaue Karte EU (§ 18b Abs. 2 AufenthG) oder die Regelungen für IT-Spezialisten mit ausgeprägter Berufserfahrung (§ 19c Abs. 2 AufenthG i.V.m. § 6 BeschV) im Detail zu prüfen.
Wir beobachten oft, dass Scale-ups in der Euphorie der Expansion die rechtliche Compliance vernachlässigen. Wer "Big Names" mit hohen Gehältern einstellt, aber die spezifischen Anforderungen an die Vergleichbarkeit der Qualifikation oder die Vorrangprüfung (sofern noch relevant) übersieht, riskiert kostspielige Verzögerungen. Asmussen betont, dass sie den Fehler machten, zu spät auf die Bedürfnisse von Enterprise-Kunden einzugehen. In der Corporate Immigration bedeutet das: Große Konzerne benötigen keine Standardlösung, sondern rechtssichere Strategien für komplexe Entsendungen, die auch steuer- und sozialversicherungsrechtliche Aspekte abdecken.
Strategische Fehlentscheidungen und der Pivot zur Profitabilität
Die Expansion in die USA beschreibt die Localyze-Gründerin rückblickend als Fehler zur falschen Zeit. Während das Kerngeschäft in Europa schwächelte, band die US-Expansion Ressourcen. Dies unterstreicht eine fundamentale Wahrheit der Global Mobility: Jedes Land hat seine eigene Rechtslogik. Ein System, das für das deutsche Aufenthaltsrecht optimiert ist, lässt sich nicht ohne Weiteres auf das US-amerikanische Visumssystem übertragen.
In den Jahren 2023 und 2024 musste das Team hart daran arbeiten, die Burn-Rate zu senken und zur Effizienz zurückzukehren. In einer Zeit des Fachkräftemangels ist dies ein zweischneidiges Schwert. Einerseits müssen Unternehmen agil bleiben, andererseits ist die Bindung internationaler Talente ein langfristiges Investment. Wenn eine HR-Abteilung aufgrund von Sparmaßnahmen die Unterstützung bei der Visa-Verlängerung oder dem Familiennachzug (§ 27 ff. AufenthG) kürzt, riskiert sie den Verlust ihrer wertvollsten Mitarbeiter. Wir kritisieren hierbei oft eine zu kurzfristige Denkweise; professionelle Begleitung bei der Immigration ist kein Luxusgut, sondern eine Versicherung gegen den Talentabfluss.
Die Fusion mit Boundless: Ein neues Kapitel für die internationale Mobilität
Die Übernahme von Localyze durch Boundless Immigration markiert das Ende einer Ära und den Beginn eines globalen Schwergewichts. Ziel ist eine "Single Unified Solution", die KI-gestützte Compliance und ein globales Netzwerk von Rechtsexperten vereint. Dies adressiert genau das Problem, das viele unserer Mandanten – insbesondere Diplomaten und Expats – haben: Die Zersplitterung der Zuständigkeiten.
Hanna Asmussen zieht das Fazit, dass sie stolz darauf ist, durch die Krise navigiert zu sein, aber auch erkennt, dass man als "Underdog" authentisch bleiben muss. Für die Branche bedeutet dieser Zusammenschluss, dass der Druck zur Professionalisierung steigt. Wer als Arbeitgeber heute im Wettbewerb um die klügsten Köpfe bestehen will, darf sich nicht auf manuelle Excel-Listen verlassen, sondern muss die Vorteile von Legal-Tech nutzen, ohne die individuelle juristische Beratung aus den Augen zu verlieren.
Fazit
Der Weg von Localyze zeigt eindrucksvoll, dass Global Mobility weit mehr ist als nur das Ausfüllen von Formularen. Es ist ein hochvolatiler Markt, der tief in politische und wirtschaftliche Entwicklungen eingebettet ist. Für hochqualifizierte Ausländer und internationale Unternehmen bleibt die rechtliche Sicherheit das höchste Gut. Die Digitalisierung ist hierbei ein mächtiger Hebel, doch sie ersetzt niemals die strategische Planung und die profunde Kenntnis des Aufenthaltsrechts. Die Geschichte von Localyze ist eine Mahnung zur Vorsicht bei der Skalierung, aber auch ein Plädoyer für den Mut, die Grenzen der nationalen Arbeitsmärkte durch Technologie zu überwinden.



