Migrationsforschung: Sind Fachkräfte und Ausländer*innen in Sachsen-Anhalt willkommen?
- Isabelle Manoli

- vor 45 Minuten
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Sachsen-Anhalt steht an einem entscheidenden Punkt seiner Entwicklung. Der demografische Wandel, anhaltender Fachkräftemangel und die wachsende Abwanderung jüngerer Menschen setzen das Bundesland zunehmend unter Druck. Gleichzeitig erlebt Sachsen-Anhalt seit Jahren einen deutlichen Anstieg an Zuwanderung – zunächst durch die Fluchtbewegungen 2015/16 und später durch Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine flohen. Während das Land dringend auf neue Arbeits- und Fachkräfte angewiesen ist, zeigt sich in vielen Bevölkerungsgruppen noch eine spürbare Zurückhaltung gegenüber Migration und Vielfalt. Diese Spannungen zwischen Bedarf und Akzeptanz bestimmen maßgeblich, wie gut Integration gelingt – oder scheitert. Genau hierzu hat nun Minor – Wissenschaft Gesellschaft mbH ein spannendes Paper veröffentlicht (Zuwanderung: Gefragt, gebraucht, doch nicht gewollt? Die widersprüchliche Willkommenskultur Sachsen-Anhalts Analyse der Daten- und Forschungsgrundlage Bianca Dülken, Kristina Korte, Olha Lushankina, Anne von Oswald), das wir in diesem Blogbeitrag beleuchten möchten.
Was Daten über das Miteinander verraten
Aktuelle Umfragedaten aus dem Sachsen-Anhalt-Monitor und dem SVR-Integrationsbarometer zeigen ein ambivalentes Bild: Viele Menschen im Bundesland betrachten Migration als Herausforderung, und das Integrationsklima hat sich zuletzt verschlechtert. Dennoch sind persönliche Kontakte zwischen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte überwiegend positiv. Besonders deutlich wird der Zusammenhang zwischen Begegnung und Einstellung: Dort, wo häufiger persönliche Kontakte stattfinden – etwa im Arbeitsleben oder im Bildungsbereich – ist die Sicht auf Integration deutlich freundlicher. Umgekehrt bestehen gerade dort die größten Vorbehalte, wo Begegnung kaum stattfindet, etwa in Wohnquartieren oder im nachbarschaftlichen Umfeld. Genau hier beginnt der Teufelskreis: Fehlende Begegnung fördert Vorurteile, und Vorurteile verhindern Begegnung.
Zwischen Offenheit und Entfremdung
Zwar lehnt nur ein kleiner Teil der Bevölkerung radikale Aussagen zu Migration vollständig ab, doch viele Befragte äußern ein zunehmendes Gefühl der Entfremdung. Der Wunsch nach Assimilation statt gegenseitiger Anpassung und ein wachsendes Misstrauen gegenüber Migrationsverfahren zeigen, dass die gesellschaftliche Debatte härter geworden ist. Gleichzeitig registriert Sachsen-Anhalt seit Jahren einen Anstieg politisch motivierter und rassistischer Straftaten – ein weiteres Signal, dass das gesellschaftliche Klima angespannt ist.
Bemerkenswert ist der enge Zusammenhang zwischen Demokratiezufriedenheit und Einstellung zu Zuwanderung: Menschen, die mit der Funktionsweise der Demokratie unzufrieden sind, äußern deutlich öfter negative Ansichten über Geflüchtete und Migrant*innen. Abwertung dient hier häufig als Ventil für ein tieferliegendes Gefühl des Abgehängtseins.
Begegnung wirkt: Beispiele aus der Praxis
Trotz dieser Herausforderungen gibt es im ganzen Bundesland starke zivilgesellschaftliche Initiativen, die aktiv an einer positiven Willkommenskultur arbeiten. Begegnungsorte wie das „Eine Welt Haus“ in Magdeburg schaffen Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen und ins Gespräch kommen können. Doch nicht überall stehen solche Ressourcen zur Verfügung, besonders nicht in ländlichen Regionen.
Dort entfalten kleinere Initiativen, oft getragen von Ehrenamtlichen, große Wirkung. Das Bündnis „Sangerhausen bleibt bunt“ etwa bringt Menschen durch Gedenkveranstaltungen, Stadtführungen oder Begegnungsfeste zusammen und setzt seit Jahren wichtige Impulse gegen Ausgrenzung und Rassismus. Ähnlich wirkt der biworegio e. V. in Bitterfeld-Wolfen, wo aus einem gemeinsamen Fastenbrechen während des Ramadan ein dauerhafter Begegnungsort entstanden ist.
Auch Schulen und Arbeitsorte spielen eine entscheidende Rolle, denn hier findet bereits heute der intensivste Austausch statt. Projekte wie „Demokratie in Arbeit und Ausbildung“ oder der Kinder- und Jugendklub „Interkulturell“ in Merseburg fördern offene Lern- und Arbeitsumfelder und schaffen positive Alltagserfahrungen – gerade für Kinder, deren Eltern oft weniger Berührungspunkte mit der Mehrheitsgesellschaft haben.
Wie Sachsen-Anhalt seine Zukunft sichern kann
Die Daten und Beispiele zeigen: Eine starke Willkommens- und Anerkennungskultur ist kein „Nice-to-have“, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Sachsen-Anhalt seine Zukunft aktiv gestalten kann. Ohne Zugewanderte wird der Arbeitskräftemangel weiter wachsen, und ohne gesellschaftliche Offenheit wird es kaum gelingen, Menschen langfristig im Land zu halten. Zum Aufbau einer solchen Kultur braucht es mehrere Bausteine: Begegnungsräume in Nachbarschaften, Schulen und Betrieben; politische Maßnahmen gegen Diskriminierung; verlässliche Unterstützungssysteme für Betroffene; und vor allem ein gesellschaftliches Klima, das Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Chance wahrnimmt.
Eine landesweite Kampagne könnte dazu beitragen, dieses Bewusstsein sichtbar zu machen. Wenn Unternehmen, Verwaltungen, Vereine, Migrantenorganisationen und Zugewanderte gemeinsam ihre Stimmen erheben, kann daraus ein starkes Signal entstehen: Sachsen-Anhalt ist ein Ort, an dem Menschen willkommen sind – und gebraucht werden.
Fazit: Offene Gesellschaften gewinnen
Sachsen-Anhalt steht vor großen Herausforderungen, aber auch vor ebenso großen Chancen. Die Forschung zeigt klar, dass Integration dort gelingt, wo Begegnung stattfindet. Die Praxis zeigt, dass viele engagierte Menschen vor Ort diese Begegnungen ermöglichen. Und die Demografie zeigt, dass das Land auf Zuwanderung angewiesen ist. Eine gelebte Willkommens- und Anerkennungskultur stärkt nicht nur Zugewanderte, sondern die gesamte Gesellschaft. Sie baut Vorurteile ab, stärkt die Demokratie und sorgt dafür, dass Sachsen-Anhalt ein attraktiver Ort zum Leben und Arbeiten bleibt – für alle, die schon hier sind und für alle, die kommen.



