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Neue Regeln zur Krankenversicherung: Was ändert sich?


Der deutsche Arbeitsmarkt ist für internationale Fachkräfte so attraktiv wie nie zuvor, doch die Rahmenbedingungen für ein Leben und Arbeiten in der Bundesrepublik befinden sich in einem stetigen Wandel. Wer als hochqualifizierter Expat, Wissenschaftler oder spezialisierter Young Professional nach Deutschland kommt, schätzt vor allem die soziale Sicherheit und das exzellente Gesundheitssystem. Doch genau dieses System steht vor einer massiven finanziellen Herausforderung. Das Kabinett hat kürzlich das von Gesundheitsministerin Nina Warken auf den Weg gebrachte Beitragsstabilisierungsgesetz verabschiedet. Während die Politik von Stabilität spricht, müssen wir als Anwaltskanzlei konstatieren: Für Gutverdiener und international mobile Familien wird es absehbar teurer und bürokratischer. Es ist essenziell, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer diese Änderungen verstehen, um ihre Gehaltsverhandlungen und Lebensplanung rechtzeitig anzupassen.


Die Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze und ihre Folgen

Ein Kernpunkt der Reform, der insbesondere akademische Fachkräfte und Führungskräfte trifft, ist die deutliche Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze. Bisher lag diese Schwelle, bis zu der Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erhoben werden, bei 69.750 Euro im Jahr. Gemäß den neuen Plänen wird dieser Betrag um 3.600 Euro jährlich steigen. Für viele Expats bedeutet dies schlichtweg ein geringeres Nettoeinkommen, da ein größerer Teil ihres Bruttogehalts verbeitragt wird. Wir sehen hier eine Entwicklung, die den Standort Deutschland für internationale Top-Talente nicht unbedingt attraktiver macht.


Parallel dazu steigt die Versicherungspflichtgrenze nach § 6 Abs. 1 Nr. 1 SGB V. Wer über dieser Grenze verdient, hat theoretisch die Wahlfreiheit zwischen der gesetzlichen und der privaten Krankenversicherung (PKV). Durch die Anhebung dieser Hürde werden jedoch viele Angestellte in der gesetzlichen Versicherung "festgehalten", die eigentlich einen Wechsel in ein privates System angestrebt hätten, um von spezifischen Leistungen oder einkommensunabhängigen Tarifen zu profitieren. Aus unserer Sicht als Experten für Corporate Immigration ist dies ein kritischer Punkt, da die Wahlfreiheit ein wichtiges Argument im internationalen Recruiting darstellt. Wenn der Staat den Zugang zur PKV erschwert, greift er indirekt in die Attraktivität der Vergütungspakete ein, die HR-Abteilungen schnüren können.


Das Ende der klassischen beitragsfreien Mitversicherung

Besonders einschneidend für Familien ist die geplante Neuregelung der Familienversicherung nach § 10 SGB V. Bisher konnten Ehegatten ohne eigenes Einkommen kostenfrei mitversichert werden – ein Modell, das viele Expats bei ihrem Umzug nach Deutschland fest einplanen. Ab 2028 soll damit für bestimmte Personengruppen Schluss sein. Wer kein kleines Kind unter acht Jahren betreut, keine Angehörigen pflegt und nicht in Rente ist, muss künftig einen eigenen Beitrag leisten beziehungsweise der versicherte Partner muss einen Beitragszuschlag von 2,5 Prozent zahlen.


Diese Regelung wird politisch damit begründet, Anreize für die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit zu schaffen. Wir beobachten jedoch in der Praxis, dass gerade mitziehende Ehegatten hochqualifizierter Fachkraft oft Zeit benötigen, um auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen oder ihre ausländischen Abschlüsse anerkennen zu lassen. Die zusätzliche finanzielle Belastung von durchschnittlich 80 bis 90 Euro im Monat mag moderat klingen, sendet aber ein falsches Signal an internationale Familien. Es erhöht den finanziellen Druck in der Phase der Integration und belastet das Haushaltsbudget in einer Zeit, in der die Lebenshaltungskosten ohnehin steigen.


Belastungen für Arbeitgeber und International Recruiting

Auch für Unternehmen und deren HR-Abteilungen bringt das Beitragsstabilisierungsgesetz neue Kostenfaktoren mit sich. Die Anhebung der Bemessungsgrenzen führt direkt zu höheren Lohnnebenkosten. Zudem werden Minijobs für Arbeitgeber teurer, da der pauschale Versichertenbeitrag von 13 auf den durchschnittlichen GKV-Satz von 17,5 Prozent angehoben wird. Dies betrifft zwar seltener die hochqualifizierten Spezialisten, wohl aber den operativen Bereich vieler Unternehmen, die auf flexible Beschäftigungsverhältnisse angewiesen sind.


Wir kritisieren an dieser Stelle, dass die Lasten der Systemstabilisierung primär auf die Beitragszahler und Betriebe abgewälzt werden, während der Bundeszuschuss zur GKV paradoxerweise sinkt. Die versicherungsfremden Leistungen, wie etwa die Gesundheitskosten für Bürgergeldempfänger, werden weiterhin nicht vollumfänglich aus Steuermitteln gedeckt, was die Lohnnebenkosten künstlich hochhält. Für das "International Recruiting" bedeutet dies, dass Deutschland im Wettbewerb um die klügsten Köpfe einen weiteren Standortnachteil bei den Arbeitskosten und der Netto-Lohn-Quote riskiert.


Fazit und Ausblick für Expats und Unternehmen

Die Reform der Krankenversicherung ist ein notwendiger, aber schmerzhafter Versuch, das System vor dem finanziellen Kollaps zu bewahren. Für ausländische Fachkräfte und deren Arbeitgeber bedeutet dies vor allem eines: Die Kosten für den Verbleib oder die Anwerbung von Personal in Deutschland steigen. Die Erhöhung der Zuzahlungen bei Medikamenten und Krankenhausaufenthalten sowie die steigenden Bemessungsgrenzen erfordern eine genaue Prüfung der Arbeitsvertrage und Entsendungsrichtlinien. Wir empfehlen Unternehmen, ihre Budgetplanungen für 2027 und 2028 bereits jetzt anzupassen und ausländische Mitarbeiter frühzeitig über die Änderungen im Sozialversicherungssystem zu informieren.

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