Nutzung von KI durch Berliner Verwaltung: Chancen für das Aufenthaltsrecht?
- Isabelle Manoli

- vor 1 Tag
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Ein Brief von der Ausländerbehörde entscheidet oft über alles: über Arbeit oder Arbeitslosigkeit, über Familienleben oder Trennung, über Sicherheit oder Unsicherheit. Doch was passiert, wenn dieser Brief niemand versteht? Wenn komplizierte Verwaltungssprache, verschachtelte Sätze und juristische Fachbegriffe selbst für Muttersprachler kaum nachvollziehbar sind – ganz zu schweigen von Menschen, die erst seit Kurzem in Deutschland leben? Genau hier entsteht ein massives Problem, das nicht nur individuelle Schicksale betrifft, sondern strukturelle Fragen der Rechtsstaatlichkeit berührt.
In Berlin will man dieses Problem nun mit künstlicher Intelligenz angehen. Künftig sollen Behördentexte mithilfe von KI in bürgernahe oder sogar einfache Sprache übersetzt werden. Ein Schritt, der auf den ersten Blick technisch wirkt, tatsächlich aber tiefgreifende rechtliche und gesellschaftliche Auswirkungen haben kann – insbesondere im Ausländer- und Visumsrecht.
Verwaltungssprache als systemisches Problem
Die deutsche Verwaltungssprache ist historisch gewachsen, stark formalisiert und juristisch geprägt. Präzision steht über Verständlichkeit, rechtliche Absicherung über Klarheit. Das führt zu Schreiben, die zwar juristisch korrekt, aber faktisch kaum zugänglich sind. Selbst für gut integrierte Migrantinnen und Migranten mit soliden Deutschkenntnissen sind viele Bescheide, Anhörungen oder Aufforderungsschreiben kaum zu verstehen.
Besonders im Aufenthaltsrecht ist diese Problematik virulent. Die Regelungen des Aufenthaltsgesetzes, der Beschäftigungsverordnung, der Aufenthaltsverordnung und zahlreicher Verwaltungsvorschriften bilden ein hochkomplexes Geflecht. Wird dieses Geflecht in typischem Behördendeutsch kommuniziert, entstehen massive Verständnishürden. Fristen werden übersehen, Anforderungen falsch interpretiert, Nachweise unvollständig eingereicht. Die Folge sind Ablehnungen, Verzögerungen und rechtliche Nachteile, die oft allein auf Kommunikationsprobleme zurückzuführen sind.
KI als Übersetzerin zwischen Verwaltung und Wirklichkeit
Der Berliner Ansatz, KI zur Übersetzung von Verwaltungssprache in bürgernahe oder einfache Sprache einzusetzen, ist deshalb ein wichtiger Schritt. KI kann Texte in klarere Strukturen überführen, lange Schachtelsätze aufbrechen, komplizierte Begriffe erklären oder ersetzen und die Kerninformationen herausarbeiten. Damit entsteht eine neue Qualität der Verständlichkeit, die klassische Formulare oder Merkblätter kaum erreichen können.
Gerade für ausländische Antragstellerinnen und Antragsteller ist dieser Ansatz von enormer Bedeutung. Viele verfügen nicht über ausreichende Deutschkenntnisse, um juristisch geprägte Schreiben korrekt einzuordnen. Hinzu kommt, dass ihnen das deutsche Rechtssystem fremd ist. Begriffe wie „Mitwirkungspflicht“, „Versagungsgründe“, „Ermessen“ oder „auflösende Bedingung“ sind selbst für Muttersprachler erklärungsbedürftig. KI kann hier eine Brücke schlagen, indem sie den Inhalt in eine alltagsnahe, verständliche Sprache überträgt, ohne die rechtliche Aussage zu verfälschen.
Neue Chancen im Visums- und Aufenthaltsverfahren
Für das Visums- und Aufenthaltsrecht eröffnet der Einsatz von KI besonders große Potenziale. Schon heute nutzen viele Betroffene KI-Tools, um Schreiben der Ausländerbehörde zu übersetzen, zu erklären oder in verständliche Sprache zu übertragen. Dabei zeigt sich immer wieder, wie stark sich das Verständnis verbessert, wenn juristische Texte klar strukturiert und sprachlich vereinfacht werden.
In der anwaltlichen Praxis erleben wir regelmäßig, dass Mandantinnen und Mandanten Bescheide erst dann wirklich begreifen, wenn sie in eine einfache, logische Abfolge übersetzt werden. Was genau wird verlangt? Bis wann? Welche Konsequenzen drohen? Welche Handlungsmöglichkeiten bestehen? KI kann diese Kernfragen in wenigen Sätzen verständlich beantworten und damit die Grundlage für fundierte Entscheidungen schaffen.
Zugleich profitieren auch Behörden von klarerer Kommunikation. Rückfragen, unvollständige Anträge, fehlerhafte Einreichungen und unnötige Widersprüche binden enorme personelle Ressourcen. Verständlich formulierte Schreiben können diese Reibungsverluste erheblich reduzieren und damit zu effizienteren Verfahren beitragen – ein Aspekt, der angesichts der chronischen Überlastung vieler Ausländerbehörden kaum zu überschätzen ist.
Rechtliche Präzision und menschliche Kontrolle bleiben unverzichtbar
So groß die Chancen auch sind: KI kann und darf die juristische Prüfung nicht ersetzen. Verwaltungsschreiben müssen rechtlich korrekt bleiben, Fristen und Rechtsbehelfsbelehrungen dürfen nicht verwässert werden. Die Kunst liegt in der Balance zwischen Verständlichkeit und juristischer Präzision. KI kann hier wertvolle Vorarbeit leisten, doch die finale Kontrolle muss bei qualifizierten Fachkräften liegen. Gerade im sensiblen Bereich des Aufenthaltsrechts, in dem existenzielle Entscheidungen getroffen werden, bleibt anwaltliche Beratung unverzichtbar. KI kann erklären, strukturieren und übersetzen – aber sie kann keine individuelle Rechtsstrategie entwickeln, keine Erfolgsaussichten bewerten und keine taktischen Entscheidungen treffen. Ihre Stärke liegt in der Zugänglichkeit, nicht in der rechtlichen Würdigung.
Fazit: Ein Quantensprung für Verständlichkeit und Fairness
Der Einsatz von KI zur Vereinfachung von Verwaltungssprache ist weit mehr als ein Digitalisierungsprojekt. Er ist ein Schritt hin zu mehr Rechtsklarheit, Chancengleichheit und Fairness. Gerade für Ausländerinnen und Ausländer, die das deutsche Rechtssystem und die Sprache nicht beherrschen, kann KI den entscheidenden Unterschied machen. Wenn Behördenschreiben nicht länger abschrecken, sondern informieren, wenn sie nicht mehr verwirren, sondern Orientierung bieten, dann wird Verwaltung tatsächlich bürgernah. Für das Visums- und Aufenthaltsrecht bedeutet das eine echte Zeitenwende. KI kann hier zum Schlüssel werden, um rechtliche Barrieren abzubauen und den Zugang zum Recht nachhaltig zu verbessern – ein Ziel, das im Zentrum einer modernen, offenen und rechtsstaatlichen Migrationspolitik stehen sollte.



