Studie: Überdurchschnittlich viel Migration aus dem Iran nach Deutschland
- Isabelle Manoli

- vor 7 Stunden
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Der Blick auf die weltweiten Migrationsbewegungen gleicht oft einem Blick in ein hochkomplexes Mosaik. Während Personalabteilungen in Deutschland händisch nach hochqualifizierten Talenten aus Ländern wie den USA, Großbritannien oder Kanada suchen, formiert sich im Schatten geopolitischer Verwerfungen eine gänzlich andere, hochengagierte Dynamik. Die jüngsten Angriffe und die anhaltend volatile Lage im Nahen Osten haben den Fokus der europäischen Migrationspolitik verschoben. Eine aktuelle Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt ein überraschendes Bild: Ein Großteil der auswanderungswilligen Menschen im Iran blickt gezielt auf die Bundesrepublik – und bringt Qualifikationen mit, die den deutschen Arbeitsmarkt nachhaltig prägen könnten.
Warum ist Deutschland das Wunschziel iranischer Fachkräfte?
Der Wunsch, die Heimat zu verlassen, entspringt oft einer akuten Krisenlage, doch die Wahl des Ziellandes folgt einer klaren Logik. Laut der Gallup-Befragung tragen rund 25 Prozent der iranischen Bevölkerung eine allgemeine Auswanderungsabsicht in sich – ein Wert, der exakt dem globalen Durchschnitt entspricht. Die eigentliche Überraschung liegt jedoch im Detail: Satte 28 Prozent der Iranerinnen und Iraner mit konkreten Migrationsabsichten nennen Deutschland als ihr bevorzugtes Zielland. Zum Vergleich: Im weltweiten Durchschnitt aller anderen Herkunftsländer liegt dieser Wert bei gerade einmal 7 Prozent.
Für deutsche Arbeitgeber und HR-Abteilungen ist dies ein entscheidendes Signal. Die enorme Anziehungskraft Deutschlands gründet sich nicht nur auf bestehende Netzwerke innerhalb der Diaspora, sondern auch auf die Wahrnehmung der Bundesrepublik als stabiler Wirtschafts- und Bildungsstandort. Insbesondere für die akademische Elite und Young Professionals bietet das deutsche Aufenthaltsrecht – etwa über die klassische Blaue Karte EU gemäß § 18g AufenthG – attraktive Perspektiven, sofern ein regulärer Arbeitsvertrag vorliegt. Im Falle von Fluchtbewegungen greifen hingegen primär humanitäre Aufenthaltstitel nach dem 5. Abschnitt des Aufenthaltsgesetzes.
Welche Qualifikationen bringt die iranische Diaspora mit?
Wenn in der öffentlichen Debatte über Migration aus Asylherkunftsländern gesprochen wird, herrscht oft Skepsis hinsichtlich der direkten Verwertbarkeit von Abschlüssen auf dem hiesigen Arbeitsmarkt. Die Daten des IAB zeichnen für Menschen aus dem Iran jedoch ein völlig anderes Bild. Die Beschäftigungsquote iranischer Staatsangehöriger lag im Januar 2026 bei beachtlichen 64 Prozent und nähert sich damit dem allgemeinen Bevölkerungsdurchschnitt von 69 Prozent stark an. Sie übertrifft die durchschnittliche Quote anderer Asylherkunftsländer (50 Prozent) deutlich.
Das Fundament dieses Erfolgs ist das überdurchschnittlich hohe Bildungsniveau. Rund 27 Prozent der geflüchteten iranischen Frauen und 26 Prozent der Männer besitzen einen Hochschulabschluss. Schaut man sich ausschließlich die Gruppe der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten an, liegt der Akademikeranteil unter Iranerinnen und Iranern sogar bei beeindruckenden 43 Prozent. Für Unternehmen, die händisch nach Spezialisten suchen, bietet dieses Potenzial eine enorme Chance. Ein Großteil dieser Fachkräfte arbeitet bereits heute auf Spezialisten- und Expertenniveau, besetzt akademische oder hochqualifizierte technische Positionen und entlastet so den vom Fachkräftemangel geplagten deutschen Markt.
Vor welchen rechtlichen und gesellschaftlichen Hürden stehen iranische Frauen?
Die Migrationsbiografien iranischer Frauen verdienen eine gesonderte Betrachtung. Während ihr Bevölkerungsanteil in Deutschland mit 46 Prozent leicht unter dem der Männer liegt, weisen sie am Arbeitsmarkt eine bemerkenswerte Dynamik auf. Fünf Jahre nach dem Zuzug stehen bereits 40 Prozent der geflüchteten iranischen Frauen in einem Beschäftigungsverhältnis – verglichen mit mageren 16 Prozent bei Frauen aus anderen klassischen Herkunftsländern. Zudem arbeitet die Hälfte von ihnen in Vollzeit, was unter anderem auf eine höhere Unabhängigkeit und eine oft geringere Kinderzahl in dieser spezifischen Gruppe zurückzuführen ist.
Dennoch sind die Hürden für die Einreise hoch. Frauen sind im Iran massiven Repressionen ausgesetzt, gleichzeitig ist der Fluchtweg mit immensen geschlechtsspezifischen Risiken behaftet. Wir als Anwaltskanzlei betonen in unserer täglichen Praxis immer wieder, dass das reguläre Visumsverfahren immense bürokratische Hürden bereithält. Sollte sich der Konflikt in der Region ausweiten, wären staatlich gesteuerte, humanitäre Aufnahmeprogramme nach § 23 AufenthG ein einfaches Instrument. Solche Programme schaffen sichere, geordnete Einreisewege und stellen sicher, dass besonders vulnerable, hochqualifizierte Frauen ihr Potenzial ohne den lebensgefährlichen Umweg über ungesteuerte Fluchtrouten nach Deutschland einbringen können.
Bleiben oder weiterziehen: Wie nachhaltig ist diese Migration?
Trotz der hohen Zufriedenheit mit dem Leben in der Bundesrepublik zeigt die Studie eine interessante Facette auf: Nur 49 Prozent der befragten Iranerinnen und Iraner planen, dauerhaft in Deutschland zu bleiben. Etwa 5 Prozent der Befragten äußern konkrete Pläne, das Land wieder zu verlassen. Eine Rückkehr in den Iran kommt dabei für fast niemanden (1 Prozent) infrage, solange das dortige Regime an der Macht ist. Stattdessen zieht es die Menschen weiter in andere westliche Destinationen – ganz oben auf der Wunschliste stehen Dänemark, die Schweiz und die USA.
Für Arbeitgeber bedeutet dies, dass das Thema "Retention Management" – also die langfristige Bindung von Talenten – eine zentrale Rolle einnehmen muss. Wer hochqualifizierte Young Professionals und Akademiker im Unternehmen halten möchte, muss ihnen klare Karrierepfade und Unterstützung bei der langfristigen rechtlichen Absicherung bieten. Der Übergang von einem humanitären Aufenthaltstitel oder einem Studienvisa in einen dauerhaften Aufenthaltstitel, wie die Aufenthaltserlaubnis nach § 18b AufenthG oder die schnellere Einbürgerung nach dem modernisierten Staatsangehörigkeitsrecht, ist hierbei der entscheidende Hebel. Wir begleiten Unternehmen und Fachkräfte regelmäßig bei diesen Statuswechseln (dem sogenannten "Spurwechsel"), um Rechtssicherheit für beide Seiten zu schaffen.
Fazit
Die aktuelle IAB-Studie belegt eindrücklich, dass die Migration aus dem Iran ein enormes Potenzial für den deutschen Arbeitsmarkt bereithält, das sich grundlegend von anderen Migrationsbewegungen unterscheidet. Iranische Zuwanderer sind überdurchschnittlich gut gebildet, hochgradig akademisiert und integrieren sich schnell und erfolgreich in den Arbeitsmarkt. Da jedoch viele von ihnen Deutschland nur als Zwischenstation betrachten, sind sowohl die Politik als auch die Wirtschaft gefordert. Es müssen geordnete, rechtssichere Zuwanderungswege geschaffen und gleichzeitig bürokratische Hürden bei der Anerkennung von Abschlüssen und dem Statuswechsel abgebaut werden. Nur so kann es gelingen, diese klugen Köpfe langfristig in Deutschland zu halten.



