Urteil: Kann man einen Reiseausweis für Ausländer im Eilverfahren einklagen?
- Isabelle Manoli

- vor 24 Minuten
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Wenn Sie als hochqualifizierte Fachkraft oder Young Professional in Deutschland leben, ist Ihre berufliche Mobilität oft Ihr wichtigstes Kapital. Ein abgelaufener Reisepass kann da schnell existenzbedrohend werden. Wer versucht, über die eigene Botschaft ein neues Dokument zu erhalten, stößt bei manchen Herkunftsstaaten – insbesondere in Teilen Afrikas oder Asiens – auf massive administrative Hürden oder politische Blockaden. Die Ausländerbehörden reagieren in der Praxis oft standardisiert: Ohne den schriftlichen Nachweis einer Ablehnung der Botschaft gäbe es keinen deutschen Ersatzpass. Ein aktueller Beschluss des Verwaltungsgerichts Berlin (VG 30 L 219/25) zeigt nun jedoch, dass Betroffene diesen behördlichen Teufelskreis nicht tatenlos hinnehmen müssen. Ein Reiseausweis für Ausländer lässt sich unter bestimmten Voraussetzungen erfolgreich im Wege des einstweiligen Rechtsschutzes einklagen.
Warum verweigern Behörden oft den Reiseausweis für Ausländer?
Grundsätzlich gilt im deutschen Aufenthaltsrecht das Prinzip der Passpflicht (§ 3 AufenthG). Die Beschaffung eines nationalen Passes hat rechtlich immer Vorrang. Ein deutscher Reiseausweis für Ausländer nach § 5 Abs. 1 der Aufenthaltsverordnung (AufenthV) ist als gesetzliche Ausnahme konzipiert und darf nur erteilt werden, wenn der Antragsteller sein Dokument nicht auf zumutbare Weise erlangen kann. In der Praxis führt das zu einer massiven Hürde. Das Landesamt für Einwanderung (LEA) Berlin fordert standardisiert den Nachweis erfolgloser Bemühungen. Da repressive oder dysfunktionale Botschaften solche Ablehnungen jedoch selten schriftlich ausstellen, geraten ausländische Akademiker und Expats oft in eine Sackgasse. Sie stehen ohne Pass da, können beruflich nicht reisen und riskieren im schlimmsten Fall sogar den Verlust ihrer Aufenthaltserlaubnis.
Wie durchbricht man die "Schriftlichkeits-Falle" der Botschaften?
Der Beschluss des VG Berlin macht deutlich: Die starre Forderung der Behörden nach einer schriftlichen Botschaftsablehnung hält vor Gericht nicht stand. Im Verfahren des einstweiligen Rechtsschutzes ist grundsätzlich jedes Beweismittel erlaubt, um die Unzumutbarkeit der Passbeschaffung glaubhaft zu machen.
Wenn die Botschaft Ihnen eine schriftliche Bestätigung verweigert, können wir die Blockadehaltung durch andere, strategisch vorbereitete Nachweise belegen. Im entschiedenen Fall reichte dem Gericht eine eidesstattliche Versicherung eines Zeugen, der den Antragsteller zur Botschaft begleitet hatte. Wir empfehlen in unserer Kanzleipraxis eine lückenlose Dokumentation:
Detaillierte Gedächtnisprotokolle über die Vorsprache,
E-Mail-Verläufe zu versuchten Terminbuchungen,
Nachweise über Einschreiben an die Botschaft,
Sowie sogar E-Mails oder Aufzeichnungen, die dokumentieren, welche administrativen Steine dem Mitarbeiter in den Weg gelegt werden.
Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Eilverfahren?
Ein gerichtliches Verfahren nach § 123 Abs. 1 Satz 2 der Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO) setzt immer einen sogenannten Anordnungsgrund voraus. Das bedeutet: Es muss eine besondere Dringlichkeit vorliegen; das Abwarten eines jahrelangen Hauptsacheverfahrens muss unzumutbar sein. Für den Erfolg des Eilantrags müssen die beruflichen Nachteile konkret nachweisbar sein und es muss ein erheblicher Schaden drohen. Allgemeine Absichten, "bald mal reisen zu wollen", reichen den Richtern nicht aus. Wenn Sie als Young Professional oder Spezialist jedoch internationale Mandanten betreuen oder an Auslandsprojekten arbeiten, müssen wir diese Termine, Projektverträge oder dringliche Aufforderungen des Arbeitgebers dem Gericht vorlegen.
Praxis-Tipp unserer Kanzlei: Häufig ist ein vollstreckbares, durchschlagendes Urteil am Ende gar nicht zwingend notwendig. Oft reicht die Einreichung des gerichtlichen Eilantrags aus, um die nötige Aufmerksamkeit beim LEA zu generieren. Das Verfahren schafft eine völlig neue Verhandlungsbasis, wodurch die Ausländerbehörde in vielen Fällen einlenkt, noch bevor das Gericht entscheidet.
Wie wird die Hürde der "Hauptsachevorwegnahme" genommen?
Verwaltungsgerichte sind bei Eilanträgen extrem zurückhaltend, weil die vorläufige Verpflichtung zur Passausstellung die Entscheidung des Hauptsacheverfahrens faktisch vorwegnimmt. Dies ist rechtlich nur in engen Ausnahmefällen zulässig.
Das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) erlaubt diese Vorwegnahme der Hauptsache jedoch dann, wenn dem Antragsteller ohne den Rechtsschutz irreversible, schwere Nachteile drohen. An dieser Stelle führen wir im Rahmen unserer Argumentation eine Abwägung der betroffenen Grundrechte herbei. Wenn eine hochqualifizierte Fachkraft – wie im Berliner Fall – eine Niederlassungserlaubnis nach § 18c Abs. 2 Satz 1 AufenthG besitzt, wiegt der Eingriff in die Berufsfreiheit (Art. 12 GG) durch das staatliche Reiseverbot besonders schwer. Das gerichtliche Verfahren der Behörde reduziert sich dann auf ein Ermessen von Null – der Reiseausweis muss aus Verhältnismäßigkeitsgründen ausgestellt werden.
Fazit
Das Urteil des VG Berlin zeigt, dass gut ausgebildete Fachkräfte aus Ländern mit schwierigen Urkunds- und Passwesen der Verwaltungspraxis nicht schutzlos ausgeliefert sind. Wer den Klageweg strategisch vorbereitet, die unzumutbare Passbeschaffung kreativ und lückenlose dokumentiert und die drohenden beruflichen Schäden präzise beziffert, hat im Eilverfahren beste Chancen auf Erfolg. Als spezialisierte Anwaltskanzlei unterstützen wir Sie und Ihre Personalabteilung dabei, Ihre Mobilität und Ihre Aufenthaltserlaubnis in Deutschland rechtssicher zu verteidigen.



