Neue IAB-Studie: Warum Deutschlands Fachkräfte ihre Koffer packen
- VISAGUARD Sekretariat

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Es ist eine Entscheidung, die oft im Stillen beginnt, nachts am Küchentisch oder bei einem Telefonat mit der Familie in der fernen Heimat. Die Frage, ob Deutschland noch der richtige Ort für das eigene Leben, die Karriere und die Sicherheit der Kinder ist, bewegt derzeit so viele Menschen wie selten zuvor. Während die Politik händeringend nach Wegen sucht, Fachkräfte aus aller Welt anzuziehen, zeigt die Realität ein weitaus komplexeres Bild. Hinter den Kulissen unserer täglichen Beratungspraxis als Rechtsanwaltskanzlei für Visumsrecht erleben wir immer häufiger, dass der Traum vom Leben in Deutschland für viele Migrantinnen und Migranten Risse bekommt. Es geht nicht mehr nur um das Ankommen, sondern zunehmend um das Bleiben – oder eben das Gehen. Die neuesten Daten der IAB-Online-Befragung „International Mobility Panel of Migrants in Germany“ (IMPa) werfen ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die uns als Gesellschaft und als Wirtschaftsstandort tief beunruhigen sollte.
Zwischen Gedankenspiel und gepackten Koffern
Wenn wir uns die nackten Zahlen ansehen, wird deutlich, dass die Unzufriedenheit kein Randphänomen ist. Bundesweit hat etwa jeder vierte Migrant im letzten Jahr ernsthaft darüber nachgedacht, Deutschland wieder zu verlassen. Diese 26 Prozent sind mehr als nur eine statistische Größe; sie repräsentieren Menschen, die bereits hier sind, die Deutsch gelernt haben und die in unseren Unternehmen arbeiten. Doch es gibt eine wichtige juristische und psychologische Differenzierung, die wir in unserer Kanzlei täglich beobachten: Der bloße Gedanke an eine Auswanderung führt nicht zwangsläufig zum sofortigen Handeln. Tatsächlich haben im Bundesdurchschnitt nur etwa 3 Prozent der Befragten bereits konkrete Pläne für ihren Fortzug geschmiedet. Dennoch zeigt die Studie, dass das Risiko einer tatsächlichen Abwanderung signifikant steigt, sobald der Stein erst einmal ins Rollen gekommen ist. Wer in den letzten zwölf Monaten über das Gehen nachgedacht hat, plant mit einer um 15 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit den tatsächlichen Schritt innerhalb des nächsten Jahres. Für uns als Rechtsbeistände bedeutet dies, dass wir oft in einer kritischen Phase konsultiert werden, in der die bürokratischen Hürden des Aufenthaltsrechts über die langfristige Lebensplanung entscheiden.
Ein Flickenteppich der Perspektiven: Regionale Unterschiede
Besonders spannend und zugleich aufschlussreich ist der Blick auf die Landkarte Deutschlands. Die Entscheidung für oder gegen ein Leben in der Bundesrepublik scheint stark davon abzuhängen, in welchem Bundesland man morgens aufwacht. Während in Metropolregionen wie Berlin die Fluktuation und die Abwanderungsgedanken mit 35 Prozent besonders hoch sind, zeigen sich im Norden, etwa in Schleswig-Holstein oder Bremen, deutlich stabilere Verhältnisse. Hier scheinen die Menschen eher Wurzeln zu schlagen, was sich in niedrigen Werten bei den Überlegungen und den konkreten Plänen widerspiegelt. Ein paradoxes Bild liefert hingegen Mecklenburg-Vorpommern. Obwohl hier vergleichsweise wenige Menschen nur „darüber nachdenken“, Deutschland zu verlassen, ist der Anteil derer, die bereits konkrete Pläne gefasst haben, mit 9 Prozent bundesweit am höchsten. Das deutet darauf hin, dass die Entscheidungsprozesse dort schneller und konsequenter ablaufen. In Brandenburg sehen wir das Gegenteil: Viele sind unzufrieden und denken über den Abschied nach, doch der Schritt zur Umsetzung wird seltener vollzogen. Als Kanzlei interpretieren wir dies auch als Zeichen dafür, wie wichtig das lokale Umfeld, die berufliche Integration und die administrative Unterstützung vor Ort sind.
Die Komplexität hinter der Statistik
Als Juristen wissen wir, dass Zahlen niemals die ganze Geschichte erzählen. Die IAB-Studie weist richtigerweise darauf hin, dass die befragten Gruppen sich erheblich unterscheiden. Ein hochqualifizierter IT-Spezialist aus Indien in Hamburg hat völlig andere Migrationsmotive und eine andere Bleibeperspektive als ein Geflüchteter in einer ländlichen Region des Saarlands. Zudem spielen „Sortierungseffekte“ eine Rolle: Viele Migranten ziehen innerhalb Deutschlands um, suchen sich das Bundesland aus, das ihnen die besten Chancen bietet, und wandern erst dann aus, wenn auch dieser interne Wechsel nicht den gewünschten Erfolg bringt. Die regionalen Unterschiede sind also nicht nur ein Resultat der lokalen Politik, sondern auch ein Spiegelbild der individuellen Qualifikationen und der Aufenthaltsdauer der Menschen vor Ort. Wir sehen in unserer Praxis oft, dass eine schleppende Bearbeitung von Visa-Anträgen oder die Verweigerung der Familienzusammenführung in bestimmten Regionen den letzten Anstoß geben, Deutschland den Rücken zu kehren.
Fazit: Ein Weckruf für den Standort Deutschland
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die hohe Zahl derer, die über eine Abwanderung nachdenken, eine ernsthafte Warnung ist. Auch wenn der Schritt zur konkreten Planung oft noch Zeit braucht, ist die emotionale Entfremdung vom Standort Deutschland in vielen Köpfen bereits weit fortgeschritten. Besonders die regionalen Diskrepanzen zeigen, dass wir keine einheitliche Willkommens- oder Bleibekultur haben. Für uns als Kanzlei unterstreicht dies die Notwendigkeit, Mandanten nicht nur rechtlich zu beraten, sondern ihnen auch Wege aufzuzeigen, wie sie sich in einem komplexen System behaupten können, um ihre Zukunft hier langfristig abzusichern. Deutschland darf es sich schlichtweg nicht leisten, das Potenzial derer zu verlieren, die bereits den schwierigen Weg der Migration auf sich genommen haben.



