Das BAMF feiert seinen 20. Geburtstag
- Isabelle Manoli

- vor 16 Minuten
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Wir Juristen neigen dazu, uns in der Welt der Normen zu verlieren, doch das Recht ist kein steriles Konstrukt; es atmet den Geist der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Genau hier schlägt das Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) seit nunmehr zwei Jahrzehnten die Brücke. Was im Jahr 2005 fast unscheinbar mit dem Zuwanderungsgesetz begann, hat sich zu einem massiven Konstrukt entwickelt. Das BAMF feiert nunmehr seinen 20. Geburtstag. Wir blicken zurück auf das, was das Bundesamt bisher geleistet hat.
Vom gesetzlichen Auftrag zur wissenschaftlichen Instanz
Der Startschuss fiel im Jahr 2005. Mit dem Zuwanderungsgesetz erhielt das BAMF den formellen Auftrag, Migration wissenschaftlich zu untersuchen. Was damals als kleine Forschungsgruppe mit gerade einmal zwei Referaten und der Aufgabe startete, den jährlichen Migrationsbericht der Bundesregierung zu erstellen, ist heute kaum wiederzuerkennen. Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich diese Einheit über die Jahre transformiert hat. Heute sprechen wir vom Forschungszentrum Migration, Integration und Asyl (FZ), das mit über 50 Mitarbeitenden und drei spezialisierten Forschungsfeldern agiert. Für uns Rechtsanwälte ist diese Professionalisierung ein Segen, denn sie liefert die empirische Basis für Argumentationen, die über das bloße Zitieren von Gesetzestexten hinausgehen. Wenn wir heute über die Wirksamkeit von Integrationskursen oder die Fachkräftezuwanderung streiten, greifen wir auf Daten zurück, die in diesen 20 Jahren mühsam zusammengetragen wurden.
Meilensteine, die unsere Perspektive veränderten
Blickt man auf den Zeitstrahl der letzten zwei Jahrzehnte, erkennt man die Evolution der deutschen Migrationspolitik. Schon früh, im Jahr 2009, lieferte das Forschungszentrum mit dem Bericht „Muslimisches Leben in Deutschland“ eine wissenschaftliche Hochrechnung, die für die Deutsche Islam Konferenz von zentraler Bedeutung war. Solche Studien sind für die Rechtspraxis essenziell, wenn es etwa um die Anerkennung von Religionsgemeinschaften oder die Bewertung von Integrationsbedarfen geht. Ein weiterer Wendepunkt war das Jahr 2014, als die erste große Flüchtlingsstudie sowie Untersuchungen zu den Einflussfaktoren bei der Zielstaatssuche von Asylbewerbern veröffentlicht wurden. Diese Arbeiten halfen dabei, das oft verzerrte Bild von „Pull-Faktoren“ durch belastbare Fakten zu ersetzen.
Die Dynamik der Fachkräfteeinwanderung und Digitalisierung
Besonders relevant für die moderne Visaberatung ist die Begleitforschung zum Fachkräfteeinwanderungsgesetz (FEG). Seit dem Inkrafttreten im Jahr 2020 evaluiert das Forschungszentrum die Auswirkungen dieser Regelungen. Wir sehen hier eine unmittelbare Rückkopplung zwischen Gesetzgebung, praktischer Anwendung und wissenschaftlicher Kontrolle. Auch die Eröffnung des Forschungsdatenzentrums (BAMF-FDZ) im Jahr 2021 markiert einen Quantensprung. Durch die Akkreditierung durch den Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten wurde sichergestellt, dass die erhobenen Daten höchsten wissenschaftlichen Standards genügen. Das bedeutet für uns in der Praxis, dass die Gutachten und Statistiken, auf die wir uns berufen, eine enorme gerichtliche Belastbarkeit aufweisen. Ob es um die Beschäftigung ausländischer Absolventen geht – Stichwort „Blaue Karte EU“ – oder um die Abwanderung von Fachkräften: Die Forschung liefert das notwendige Korrektiv zur politischen Debatte.
Aktuelle Herausforderungen: Von der Ukraine bis zur Deradikalisierung
Das Forschungszentrum zeigt sich im Jahr 2025 als eine Institution, die schnell auf globale Krisen reagiert. Die jüngsten Arbeiten zu Geflüchteten aus der Ukraine oder die Studien zur Lebenswelt von (Spät-)Aussiedlern zeigen, dass das FZ am Puls der Zeit bleibt. Besonders hervorzuheben ist die wissenschaftliche Begleitung in sensiblen Bereichen wie der Deradikalisierung. Die Evaluation der Beratungsstelle Radikalisierung oder die Entwicklung von Qualifizierungslehrgängen für Beratungsfachkräfte verdeutlicht, dass Forschung hier einen direkten Beitrag zur inneren Sicherheit und zum gesellschaftlichen Frieden leistet. Für die juristische Bewertung von Einzelfällen, in denen es um Sicherheitsbedenken oder Ausweisungstatbestände geht, bieten diese Publikationen oft den einzigen objektiven Orientierungsrahmen.
Ein Fazit nach zwei Jahrzehnten Erkenntnisgewinn
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Arbeit des Forschungszentrums in den letzten 20 Jahren weit mehr ist als eine bloße statistische Übung. Mit fast 300 Publikationen und über 100 abgeschlossenen Projekten hat das BAMF-FZ die Grundlage für eine evidenzbasierte Migrationspolitik geschaffen. Als Rechtsanwälte profitieren wir täglich von dieser Expertise. Die Forschung hat dazu beigetragen, dass wir heute differenzierter über Integration, Fachkräftebedarf und Fluchtursachen sprechen können. In einer Zeit, in der Debatten oft emotional geführt werden, ist die sachliche Tiefe dieser Arbeit unverzichtbar. Wir gratulieren zu 20 Jahren erfolgreicher Forschung und freuen uns auf die Erkenntnisse, die die nächsten Jahrzehnte bringen werden.



