Ist der Fachkräftemangel eine Lüge?
- Mirko Vorreuter, LL.B.

- vor 3 Tagen
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Deutschland kämpft seit Jahren mit dem Begriff „Fachkräftemangel“. Politiker, Wirtschaftsvertreter und gesellschaftliche Institutionen wie Wissenschaft und Verwaltung wiederholen fast täglich, dass dem Land qualifizierte Arbeitskräfte fehlen. Doch ein genauerer Blick auf die Zahlen und die Erfahrung aus der anwaltlichen Praxis zeigt ein differenzierteres Bild.
Tatsächlich gibt es momentan rund drei Millionen Arbeitslose in Deutschland. Ein erheblicher Teil davon verfügt über Fachkenntnisse oder sogar akademische Abschlüsse. Gleichzeitig begegnen wir in der anwaltlichen Praxis regelmäßig Fällen von gut ausgebildeten ausländischen Fachkräften, die über Jahre hinweg keine passende Beschäftigung finden. Dies legt nahe, dass der Fachkräftemangel nicht flächendeckend existiert, sondern eher selektiv auf bestimmte Berufsfelder oder Qualifikationsprofile zutrifft. Besonders in Branchen wie der IT zeigt sich, dass trotz angeblich großer Nachfrage die Suche nach qualifizierten Arbeitnehmer*innen schwierig bleibt.
Was bedeutet „Fachkräftemangel“ eigentlich?
Ein zentrales Problem liegt in der Definition. Häufig wird Fachkräftemangel nicht als genereller Mangel an qualifizierten Personen verstanden, sondern vielmehr als das Fehlen bestimmter Qualifikationen oder Leistungsprofile. Gesucht werden nicht einfach Fachkräfte, sondern solche mit spezifischen Noten, Abschlüssen oder besonderen Fähigkeiten. Für Bewerber*innen bedeutet dies, dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt stark von subjektiven Kriterien abhängen, die nicht unbedingt mit tatsächlicher Qualifikation oder Erfahrung korrelieren.
Warum wird der Fachkräftemangel oft größer dargestellt?
Die Motive für eine Überbetonung des Fachkräftemangels können vielfältig sein. Politiker nutzen das Thema, um sich zu profilieren oder politische Nischen zu besetzen. Medien berichten darüber, weil der Fachkräftemangel Aufmerksamkeit generiert und Inhalte liefert. Wissenschaft und Verwaltung wiederum sichern sich Fördermittel, indem sie das Thema in Forschung und Studien behandeln. Und Unternehmen profitieren davon, indem sie Stellenanzeigen aufrechterhalten, um ihr Wachstum und ihre Attraktivität für Investoren zu demonstrieren – selbst wenn diese Positionen faktisch nicht besetzt werden müssen.
Fazit: Fachkräftemangel mit Blick auf die Realität
Für ausländische Fachkräfte, die nach Deutschland kommen möchten, ist dies eine wichtige Erkenntnis. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt hängen nicht allein von der Nachfrage ab, sondern auch davon, ob die eigenen Qualifikationen mit den teils unrealistischen Erwartungen von Unternehmen und Institutionen übereinstimmen. Als Rechtsanwalt empfehle ich, bei der Arbeitsmigration realistische Perspektiven zu prüfen und sich gezielt auf Berufsfelder zu konzentrieren, in denen die eigenen Fähigkeiten tatsächlich gesucht werden – unabhängig von der öffentlichen Debatte über einen vermeintlichen Fachkräftemangel.



