Neue Visa-Strategie der EU veröffentlicht: Echter Fortschritt oder nur heiße Luft?
- Mirko Vorreuter, LL.B.

- vor 13 Minuten
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Die Tore nach Europa stehen vor einer digitalen und rechtlichen Transformation, wie wir sie in dieser Form bisher nicht erlebt haben. Die Europäische Kommission hat mit dem Dokument COM(2026) 43 final eine umfassende Strategie vorgelegt, die das bisherige Visumrecht modernisieren soll. Für uns als Kanzlei, die täglich mit den Hürden des Schengener Grenzkodex und der Visum-Verordnung kämpft, ist dies ein Signal des Aufbruchs. Während das bisherige System oft durch starre Fristen und bürokratische Intransparenz glänzte, verspricht das neue Papier eine Brücke zu globalen Möglichkeiten zu schlagen. Es geht nicht mehr nur um bloße Verwaltung, sondern um einen strategischen Hebel für wirtschaftliches Wachstum und Sicherheit gleichermaßen. Wir werfen für Sie einen Blick hinter die Kulissen dieser Ankündigung und analysieren, welche konkreten rechtlichen Änderungen auf Reisende, Unternehmen und Fachkräfte zukommen.
Mobilität neu gedacht: Die Durchbrechung der 90-Tage-Regel
Eines der wohl spannendsten Vorhaben der neuen Strategie betrifft die bisher fast sakrosankte „90-Tage-innerhalb-von-180-Tagen“-Regel. Für viele hochmobile Berufsgruppen wie internationale Künstler auf Tournee, Leistungssportler oder auch Lkw-Fahrer im grenzüberschreitenden Logistiksektor stellte diese Grenze bisher ein massives Hindernis dar. Die Kommission hat erkannt, dass ein Aufenthalt von mehr als 90 Tagen nicht zwangsläufig eine dauerhafte Niederlassung bedeutet, die ein nationales Visum der Kategorie D erfordern würde. Wir begrüßen ausdrücklich, dass nun die Einführung spezifischer Regeln für „erweiterte Kurzaufenthalte“ geprüft wird. Dies könnte eine völlig neue Rechtskategorie schaffen, die die Lücke zwischen dem klassischen Schengen-Visum und der vollen Residenz schließt und damit die operative Realität global vernetzter Profis widerspiegelt.
Ein Paradigmenwechsel für Unternehmen und Talente?
Für die europäische Wirtschaft und insbesondere für innovative Start-ups enthält die Strategie wegweisende Ansätze. Ein Kernpunkt ist die geplante Einführung einer Liste „verifizierter Unternehmen“. Mitarbeiter dieser vertrauenswürdigen Firmen sollen von beschleunigten Verfahren (Fast-Track) profitieren. Dies würde die bisherige Praxis der Einzelfallprüfung durch ein systemisches Vertrauensmodell ergänzen. Flankiert wird dies durch die Überlegung, Mehrfachvisa (Multiple-Entry Visas) mit einer Gültigkeit von deutlich über fünf Jahren auszustellen. Bisher markierten fünf Jahre oft die absolute Obergrenze. Eine Ausweitung dieser Frist für nachweislich integre Reisende („bona-fide applicants“) würde nicht nur den Verwaltungsaufwand senken, sondern auch die Planungssicherheit für internationale Geschäftsbeziehungen auf ein neues Niveau heben.
Innovation, Forschung und humanitäre Verantwortung
Auch im Bereich der Forschung plant die EU eine Neuausrichtung durch ein sogenanntes „Omnibus“-Verfahren für Start-up-Gründer und innovative Unternehmer. Parallel dazu soll die vollständige Digitalisierung des Visumverfahrens die bürokratischen Hürden senken. Die Strategie betont zudem, dass der Visum-Kodex weiterhin Flexibilität für schutzbedürftige Personen wie Menschenrechtsverteidiger bietet. Hier hat die Kommission das Visum-Handbuch aktualisiert, um eine harmonisierte Anwendung dieser humanitären Ausnahmen zu erleichtern.
Die Kehrseite: Visionäre Strategie trifft auf mangelnde Durchsetzbarkeit
Trotz dieser glänzenden Aussichten müssen wir als Praktiker eine deutliche Warnung aussprechen: Es besteht die reale Gefahr, dass auch diese Strategie – wie so viele zuvor – als „heiße Luft“ endet. Das Kernproblem des europäischen Visumrechts ist nämlich selten der Rechtsrahmen an sich, sondern die eklatanten Defizite bei der Durchsetzbarkeit bestehender Rechte. Schon heute klagen Antragsteller über monatelange Wartezeiten auf Termine und intransparente Entscheidungsprozesse, obwohl der Visum-Kodex klare Fristen vorgibt.
Eine neue Strategie löst nicht das strukturelle Problem, dass Mitgliedstaaten ihre Konsulate chronisch unterfinanzieren oder rechtliche Vorgaben eigenwillig interpretieren. Solange es keine effektiven Sanktionsmechanismen gegen Mitgliedstaaten gibt, die Verfahren verschleppen, bleiben die versprochenen „Fast-Tracks“ und „Erleichterungen“ bloße Theorie auf geduldigem Papier. Die Kommission räumt zwar ein, dass die fehlende Unterstützung durch eine EU-Agentur ein Manko ist, doch ob ein reines „Support Office“ innerhalb von Frontex ausreicht, um die Rechtsdurchsetzung flächendeckend zu garantieren, wagen wir zu bezweifeln. Ohne eine radikale Verbesserung der operativen Umsetzung vor Ort bleibt die Strategie ein zahnloser Tiger.
Unser Fazit
Die neue EU-Visastrategie COM(2026)43 ist ein ambitionierter Fahrplan, der die richtigen Schmerzpunkte der Wirtschaft und der mobilen Gesellschaft adressiert. Doch wir bleiben skeptisch: Solange die EU die massiven Defizite in der Durchsetzbarkeit und der praktischen Umsetzung nicht behebt, wird sich an der frustrierenden Realität vieler Antragsteller wenig ändern. Wir als Ihre Kanzlei werden nicht nur die neuen rechtlichen Möglichkeiten für Sie nutzen, sondern vor allem weiterhin dort Druck ausüben, wo die Behörden ihre rechtlichen Pflichten ignorieren.
Hier gehts zum Volltext der neuen EU-Visumstragie: https://home-affairs.ec.europa.eu/eu-visa-strategy_en



