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#Behördenperspektive: Jörg Seifert aus Schleswig-Holstein sieht Mentalität der Ausländerbehörden als Problem

Küstenlandschaft in Schleswig-Holstein

In der Serie “Perspektive der Ausländerbehörde (#Behördenperspektive)” lassen wir die Ausländerbehörde zu Wort kommen. Denn oftmals herrscht im Migrationsrecht die Auffassung, dass Behörden rechtswidrig und fehlerhaft handeln aufgrund von persönlichen Motiven, rassistischen Vorurteilen oder schlecht wegen Willkür. In der Praxis kommen diese Fälle zwar durchaus vor, allerdings wird dabei oft übersehen, dass dies kein Strukturproblem sein muss und mit welchen Herausforderungen Ausländerbehörden zu kämpfen haben. Wenig Budget, Schwierigkeiten bei der Personalsuche, häufige Gesetzesänderungen und eine sehr widerstandsfähige Anwaltschaft erschweren den Ausländerbehörden ihre Tätigkeit immens. Die hieraus entstehenden Konflikte und Probleme müssen nicht zwingend immer in der Verantwortung der Ausländerbehörde liegen.


Mit der Serie “Perspektive der Ausländerbehörde” wollen wir die praktischen Herausforderungen des Verwaltungsrechts beleuchten, um so zur Konstruktivität des öffentlichen Diskurses beizutragen. In der ersten Folge der Reihe „Perspektive der Ausländerbehörde“ widmen wir uns in einer Rezension den zentralen Aussagen, die Herr Jörg Seifert vom Landesamt für Zuwanderung und Flüchtlinge in Schleswig-Holstein im Podcast von Stephanie Tonn namens “Verwaltung wirkt” getroffen hat (Folge 1: “Einfach kann doch jeder”). Der Austausch zwischen beiden beleuchtet die tägliche Realität der deutschen Migrationsverwaltung und Ausländerbehörden in Schleswig-Holstein – inklusive der Herausforderungen, strukturellen Defizite und Chancen, die insbesondere für internationale Fachkräfte und Unternehmen von höchster Relevanz sind. 


#Behördenperspektive: Identität der Ausländerbehörden zwischen Polizeibehörde und Dienstleisterin

Im Zentrum des Gesprächs mit dem Migrationsrechtler aus Schleswig-Holstein steht die Frage, wie Ausländerbehörden ihrer Rolle gerecht werden können: einerseits als durchsetzungsstarke Ordnungsbehörden, andererseits als entscheidender Standortfaktor für die Fachkräfteeinwanderung. Jörg Seifert beschreibt offen in seiner Rolle als Leiter einer Ausländerbehörde in Schleswig-Holstein, wie sehr die Verwaltung seit der Flüchtlingskrise 2015/2016 unter massiver Systemüberlastung leidet und weshalb viele gute gesetzliche Reformen in der Praxis nicht ankommen. Während Stephanie Tonn Tonn Einblicke in die Version von Politik, Integrationsarbeit und Staatsangehörigkeitsrecht gibt, schildert Seifert realistisch, was an den Schreibtischen tatsächlich passiert – und warum der Identitätskonflikt der Ausländerbehörden zwischen Polizeibehörde und Dienstleisterin einen Mentalitätswandel bei den Behördenmitarbeiter*innen erfordert, der in der Praxis nicht immer ganz funktioniert.


Berufsweg zwischen Ordnungsrecht und Integrationspraxis

Seifert von seinem beruflichen Werdegang: einer Verwaltungskarriere, die zufällig in einer Ausländerbehörde in Schleswig-Holstein begann – und dort blieb. Als er in den 1970er-Jahren in der Stadt Kiel seine Laufbahn startete, sei das Aufenthaltsrecht noch Polizeirecht gewesen, geprägt von einem klar hierarchischen, ordnungsrechtlichen Denken. Das spiegelte nicht nur die Gesetzeslage, sondern auch die innere Haltung der Behörden. Viele Behördenmitarbeiter*innen haben diesen Wandel von der Ordnungsbehörde zur Dienstleistungsbehörde emotional noch nicht vollzogen. Im Landesamt für Zuwanderung und Flüchtlinge in Schleswig-Holstein hat Seifert die Entwicklung der letzten Jahrzehnte begleitet: die fortschreitende Normierung integrativer Elemente, die zunehmende Komplexität des Aufenthaltsrechts und den Wandel zur modernen Zuwanderungsverwaltung. Dennoch bleibt aus seiner Sicht vieles bis heute fragmentarisch – nicht zuletzt, weil Personal, Budget und Kapazitäten an allen Ecken und Enden fehlen. 


Systemüberlastung auch in Schleswig-Holstein ab 2015/2016

Diese Ressourcenknappheit führt dazu, dass ein Systemwechsel von der Ordnungsbehörde zur Dienstleistungsbehörde aufgrund der knappen Ressourcen schwer möglich ist. Seifert macht deutlich, dass die Systemüberlastung der Ausländerbehörden kein Randphänomen, sondern struktureller Kern des Problems ist (auch bei den Ausländerbehörden in Schleswig-Holstein und Kiel). Die Jahre 2015 und 2016 markieren für ihn einen Wendepunkt: Die Zahl der Verfahren stieg massiv, gleichzeitig wurden die Behörden nicht angemessen ausgestattet. Seitdem habe sich die Lage vielerorts nicht mehr stabilisiert.


Seifert beschreibt, dass nicht nur der Zustrom an Anträgen gestiegen sei, sondern auch die Aufgabenbreite. Fachkräfteeinwanderung, Digitalisierung, beschleunigte Verfahren, neue Bleiberechtsregelungen und immer komplexere Rechtsmaterien führen dazu, dass die Behörden – insbesondere in der Fläche – anhaltend am Limit arbeiten. Es sei eine Illusion zu glauben, man könne moderne Willkommensstrukturen schaffen, ohne dafür ausreichende Ressourcen bereitzustellen. Die Ausländerbehörden in Schleswig-Holstein bleiben deshalb in einem Zwischenstadium aus Ordnungsbehörde und Willkommensbehörde stecken und können sich wegen Ressourcenknappheit nicht weiterentwickeln.


Stephanie Tonn schließt sich den Aussagen von Seifert weitestgehend an und schildert anschaulich ihre eigenen Erfahrungen aus der Ausländerbehörde: Die gesetzliche und politische Erwartung, Willkommensbehörde zu sein, prallte auf überarbeitete Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter, fehlendes Personal und überbordende Arbeitslast. Viele Verfahren seien nach Aktenlage entschieden worden, weil Gespräche zeitlich schlicht nicht möglich waren. Gerade die für das Aufenthaltsrecht so zentrale persönliche Anhörung sei aus Kapazitätsgründen vielfach auf der Strecke geblieben – mit der Folge, dass Bescheide zu oft schematisch erstellt und später in Widerspruchs- oder Klageverfahren aufgehoben wurden. Tonn schildert, wie der Wandel erst kam, als sie begann, Betroffene systematisch persönlich anzuhören. Dadurch hätten sich Lebenssachverhalte gezeigt, die aus der Akte nicht ersichtlich waren und rechtlich andere Entscheidungen ermöglichten.


Ressourcenmangel auch Problem für Fachkräfteeinwanderung in Schleswig-Holstein

Seifert benennt klar und wiederholt, dass Ressourcenmangel das Hauptproblem der Ausländerbehörden ist. Nicht nur fehle es an Personal, sondern auch an Zeit, Infrastruktur, qualifizierten Nachwuchskräften und einer angemessenen politischen Wahrnehmung. Das führe dazu, dass Behörden häufig als unfreundlich, überfordert oder unprofessionell wahrgenommen würden – was wiederum zur Abwanderung internationaler Fachkräfte beitrage. Er schildert Fälle, in denen mühsam angeworbene Fachkräfte nach wenigen Monaten beschlossen hätten, Deutschland wieder zu verlassen, weil sie sich in der Behörde schlecht behandelt fühlten oder gar keinen Termin bekamen. Für Seifert ist das ein Standortnachteil ersten Ranges, den Kommunalpolitik und Landesregierungen nicht länger ignorieren dürften. Wenn eine Ausländerbehörde überlastet ist, so Seifert, trifft das nicht nur die Betroffenen, sondern unmittelbar den Arbeitsmarkt, Arbeitgeber und die regionale Wirtschaft. Seifert formuliert es unmissverständlich: Eine gut ausgestattete, professionell arbeitende Ausländerbehörde ist ein Standortvorteil, der über den Erfolg der Fachkräfteeinwanderung entscheidet. Kommunen, die ihr Behördenimage verbessern und systematisch qualifiziertes Personal gewinnen, werden langfristig profitieren. Dabei geht es nicht allein um schnelle Termine oder kurze Bearbeitungszeiten, sondern um eine Verwaltungspraxis, die Vertrauen schafft. Seifert beschreibt eindrücklich, wie wichtig es sei, Betroffene als Menschen und nicht als Fallnummern zu sehen. Die positive Erfahrung eines Verwaltungsverfahrens habe direkte Auswirkungen auf Integrationsverläufe und die Bleibeperspektive.


Bemerkenswert ist Seiferts Lösungsvorschlag. Er fordert keine weitere Mini-Reform im Aufenthaltsrecht, sondern einen Mentalitätswandel in der Behördenkultur. Aus seiner Sicht müsse die Ausländerbehörde sich als gestaltender Verwaltungsträger verstehen: lebensnah, lösungsorientiert und offen für den Menschen, der vor ihr steht. Seifert betont, dass das Aufenthaltsgesetz bewusst Ermessensspielräume eröffnet und dass diese professionell und rechtssicher genutzt werden sollten. Verwaltung sei kein rein mechanisches Abarbeiten von Checklisten, sondern lebe von einer Haltung: zuhören, Sachverhalte verstehen, Perspektiven erkennen. Er plädiert dafür, junge Menschen für den Beruf zu begeistern – durch ein positives Behördenimage, klare Karrierewege und die Vermittlung dessen, was ihn selbst jahrzehntelang motiviert hat: die Möglichkeit, Lebenswege zu gestalten, Verantwortung zu tragen und Entscheidungen zu treffen, die gesellschaftliche Wirkung entfalten. 


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