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Realistische Jobchancen für ausländische IT-Fachkräfte in Berlin?

Bild Lupe untersucht Lebenslauf von Arbeitnehmer

Über den IT-Jobmarkt in Berlin für Ausländer gibt es zahlreiche Prognosen und Studien. Laut dem Branchenverband Bitkom fehlen in Deutschland rund 109.000 IT-Fachkräfte – 85 % der befragten Unternehmen bescheinigen dem Markt einen Engpass. Auch der sogenannte Fachkräfte-Index IT – etwa der Hays GmbH & Co. KG-Index – verzeichnete im ersten Quartal 2024 einen deutlichen Anstieg der Stellenangebote im IT-Bereich. Theoretisch sollte der Arbeitsmarkt für ausländische IT-Fachkräfte in Deutschland und Berlin also großartig sein. Unsere Anwaltskanzlei macht in der alltäglichen Arbeitspraxis mit Ausländern (insbesondere aus Indien und Pakistan) allerdings auch gegenteilige Erfahrungen. Diese Erfahrungen wollen wir in diesem Blogpost teilen.


Chancen für ausländische IT-Fachkräfte in Berlin

Nach den genannten Studien haben ausländische IT-Fachkräfte in Berlin derzeit exzellente Chancen, da die Hauptstadt als bedeutender IT-Standort einen strukturellen Fachkräftemangel aufweist – so bleiben IT-Stellen im Schnitt Monate unbesetzt. Zudem besticht Berlin durch hohe Internationalität und eine große Zahl internationaler Hochschulabsolventen. Wer über eine solide Qualifikation in gefragten Bereichen wie Softwareentwicklung, Datenanalyse oder IT-Security verfügt, sollte also theoretisch keine Probleme haben, einen Job im IT-Bereich zu finden.


Zusätzlich setzt auch der Gesetzgeber mittlerweile klare Anreize, um internationale IT-Fachkräfte nach Deutschland – und insbesondere nach Berlin – zu holen. Mit der Reform der Blauen Karte EU wurden für IT-Berufe deutlich reduzierte Gehaltsschwellen eingeführt, sodass qualifizierte Fachkräfte bereits mit wesentlich niedrigeren Jahresgehältern als in anderen Berufsgruppen einreisen und arbeiten können. Zudem können IT-Spezialisten die Blaue Karte EU sogar ohne einen formal anerkannten Hochschulabschluss erhalten, wenn sie über nachweisbare, auf dem Arbeitsmarkt verwertbare Berufserfahrung verfügen (siehe § 18g Abs. 2 AufenthG). Parallel dazu intensiviert auch das Land Berlin seine Standortpolitik: Programme von Berlin Partner und Initiativen zur Förderung der Digitalwirtschaft und der Start-up-Szene sollen gezielt internationales IT-Talent anziehen, um Berlins Position als führender Innovations- und Technologiestandort weiter auszubauen.


Realistischer Blick auf den Jobmarkt für indische und pakistanische IT-Fachkräfte

Unsere Kanzlei macht im Bereich der Arbeitsmarktintegration ausländischer IT-Fachkräfte – insbesondere aus Indien und Pakistan – allerdings regelmäßig Beobachtungen, die den allgemeinen politischen Erwartungen widersprechen. Mehrmals pro Woche begleiten wir Mandatsanfragen, behördliche Verfahren und Erstberatungen mit hervorragend ausgebildeten IT-Spezialistinnen und IT-Spezialisten, die in der Regel über einen Bachelor- oder Masterabschluss einer deutschen Hochschule verfügen und auf Grundlage des § 16b AufenthG (Studium) in Deutschland leben. Viele dieser Absolventinnen und Absolventen nutzen bereits seit bis zu 18 Monaten ein Job-Seeker-Visum (Graduate-Visum) oder verfügen seit rund 12 Monaten über eine Chancenkarte. Das Bild ist jedoch häufig ernüchternd: Trotz beeindruckender Qualifikationen, hunderten (!) verschickten Bewerbungen und hervorragender Studienabschlüsse gelingt es vielen nicht, eine Stelle im IT-Bereich zu finden. Besonders für Personen ohne ausreichende Deutschkenntnisse scheint es – selbst in Berlin und trotz eines deutschen Hochschulabschlusses – manchmal nahezu unmöglich zu sein, eine qualifizierte Beschäftigung zu erlangen. Für Betroffene entsteht dadurch ein ernstes ausländerrechtliches Problem: Wer nach 12 bis 18 Monaten trotz intensiver Suche kein Jobangebot vorweisen kann, riskiert, dass der Aufenthalt nicht verlängert wird, weil die zulässigen Zeiten der Arbeitssuche ausgeschöpft sind. Die Betroffenen müssen dann (rein rechtlich gesehen und wenn kein anderer Aufenthaltszweck besteht) Deutschland verlassen.


Unterschied öffentliche Wahrnehmung und Realität ausländische IT-Fachkräfte

Es besteht also nach Erfahrung unserer Rechtsanwält*innen ein erheblicher Unterschied zwischen der öffentlichen Wahrnehmung des “IT-Fachkräftemangels” und der Realität in unserem Alltagsgeschäft. Wie Groß kann der Fachkräftemangel schon sein, wenn viele unserer Mandant*innen über 18 Monate hinweg keinen Job in dem Bereich finden und stattdessen in indischen Restaurants kellnern oder kochen müssen? 


Ein wesentlicher Grund dafür, dass der vielbeschworene „IT-Fachkräftemangel“ in der Praxis nur eingeschränkt existiert, liegt in der deutlichen Diskrepanz zwischen offiziellen Stellenmeldungen und der realen Einstellungsbereitschaft vieler Unternehmen. Was nach außen wie eine hohe Nachfrage aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung häufig als künstlich erzeugter Bedarf: Zahlreiche Unternehmen veröffentlichen Stellenanzeigen vor allem aus Compliance-Gründen, zur internen Budgetrechtfertigung oder zur Verlängerung projektbezogener Mittel, ohne tatsächlich einstellen zu wollen. Wer auf den Websites selbst kleiner Start-Ups die Stellenausschreibungen studiert, wird sehen, dass dort manchmal selbst bei einer 1-Mann-GmbH 5 Vollzeit-Stellen ausgeschrieben sind, die sich das Unternehmen faktisch aber niemals leisten könnte. Hierdurch soll Größe und Wichtigkeit vorgespiegelt werden - obwohl praktisch keine Einstellungsbereitschaft besteht.


Stellenabbau und Kosteneinsparung im IT-Arbeitsmarkt

In der Realität sehen die Kostenpläne vieler IT-Startups momentan ganz anders aus. Wir beobachten branchenweit erhebliche Kosteneinsparungen, Outsourcing-Trends und Standortverlagerungen in Länder mit niedrigeren Gehältern. Hinzu kommt, dass viele Arbeitnehmer*innen im IT-Bereich durch KI ersetzt werden. Viele große Technologieunternehmen bauen Personal ab, statt neue Teams aufzubauen. Dies führt dazu, dass bestehende Beschäftigte ihre Stellen so festhalten wie selten zuvor, während reale Chancen für Berufseinsteiger und ausländische IT-Fachkräfte deutlich geringer sind, als es die politische Kommunikation vermuten lässt. Erfahrungsberichte aus der Praxis – etwa hunderte erfolglose Bewerbungen trotz akademischer Qualifikation und guter Standortbedingungen – bestätigen, dass der deutsche IT-Arbeitsmarkt in Teilen stagniert und sich in einer konjunkturell angespannten Phase befindet.


Fazit Jobchancen ausländische IT-Fachkräfte aus Sicht Berliner Rechtsanwälte

Die Analyse des Berliner IT-Arbeitsmarkts zeigt ein deutlich komplexeres Bild, als es politische Debatten und Branchenstatistiken vermuten lassen. Während offizielle Zahlen von einer erheblichen Nachfrage nach qualifizierten IT-Fachkräften ausgehen und Berlin als internationaler Innovationsstandort gezielt ausländische Talente anziehen möchte, weicht die praktische Realität vieler ausländischer Fachkräfte – insbesondere aus Indien und Pakistan – erheblich von diesen Erwartungen ab. Trotz hervorragender Abschlüsse, langer Bewerbungsphasen und intensiver Integrationsbemühungen bleiben reale Beschäftigungschancen häufig aus. Der vielzitierte Fachkräftemangel verliert dadurch an Überzeugungskraft, wenn selbst gut ausgebildete Absolventinnen und Absolventen deutscher Hochschulen über Monate hinweg keine Anstellung finden und schließlich ausländerrechtlich in existenzielle Schwierigkeiten geraten.Die Ursachen liegen nicht in fehlender Qualifikation, sondern in strukturellen Marktmechanismen: scheinbar offene Stellen dienen häufig nicht der tatsächlichen Personalgewinnung, Unternehmen reduzieren Kosten, verlagern Teams ins Ausland oder ersetzen Positionen durch Automatisierung. Gleichzeitig herrscht eine bemerkenswerte Zurückhaltung bei Neueinstellungen, sodass das allgemeine Bild eines dynamischen und stark nachfragenden IT-Arbeitsmarkts nur bedingt zutrifft. Für ausländische IT-Fachkräfte entsteht dadurch eine gefährliche Lücke zwischen migrationspolitischen Versprechungen und wirtschaftlicher Realität. Wer auf Grundlage der gesetzlichen Anreize nach Berlin kommt, benötigt nicht nur rechtliche Rahmenbedingungen, sondern auch tatsächliche Integrationschancen im Arbeitsmarkt – und gerade daran hapert es aktuell.


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